Angedacht
»ausgeliefert«
Wie fühlt es sich an, einer Macht ausgeliefert zu sein? In der Passionsgeschichte sind es verschiedene Mächtige, denen Jesus ausgeliefert ist. Da ist Pontius Pilatus, da sind die römischen Soldaten, da ist eine wütende Volksmenge.
»Ausgeliefert sein« – ich kann mich erinnern, als Grundschüler einmal auf dem Nachhauseweg von einem älteren Jugendlichen grundlos angegriffen worden zu sein. So fühlt sich ausgeliefert sein an. Da ist keiner, der mir helfen kann, obwohl es helllichter Tag ist. Alleine – und dann der große starke Junge, der mir Böses will. Aber was will er überhaupt? Zum Glück ging der Fremde dann seiner Wege, und ich war wieder frei. Das Gefühl der Freude blieb aber überlagert vom Schrecken der Hilflosigkeit – ausgeliefert an eine unberechenbare Macht!
Auch in Krankheit und Schmerzen sind wir ausgeliefert: Den Ärzt*innen, den Pfleger*innen, den helfenden Angehörigen. Sie tun das Beste, aber selbstbestimmt ist das eher nicht. Von daher hat dieses Ausgeliefertsein viel mit Hilflosigkeit zu tun, ja mit Kontrollverlust. Woher kommt dann Hilfe?
Von Gott, von Jesus Christus dürfen wir Hilfe erwarten! Warum? Weil Jesus selber ausgeliefert wurde, ohnmächtig, alleine, hilflos den Mächten und den Mächtigen ausgeliefert. Der Weg über das letzte Abendmahl bis hin zur Festnahme, Verspottung, Verurteilung und schließlich zum Tod am Kreuz ist eine einzige Auslieferungsgeschichte. Jesus wusste also um diese Abgründe menschlicher Existenz. Er erlebte diesen totalen Kontrollverlust selbst.
An einer zentralen Stelle unserer Gottesdienste kommt dieses Ausgeliefertsein regelmäßig vor – in der Feier des Abendmahles. Dort heißt es: »In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, ...« Meistens wird hier das Wort »verraten« verwendet, aber sowohl inhaltlich als auch von der Übersetzung her ist dieses »ausgeliefert« das genauere und bessere Wort. Denn es geht eben nicht nur um den Verrat durch Judas an diesem Abend, sondern um das ganze Geschehen zwischen Gethsemane und Golgatha. Die vielen Momente der Einsamkeit, der Ungerechtigkeit und des Streits enden schließlich im Tod am Kreuz. All dem setzt Jesus sich aus, all dem ist er ausgeliefert.
Im Feiern des Abendmahles sind wir in diese Situation mit hineingenommen. Und doch ahnen wir, dass in seiner Auferstehung auch unsere Leiden ihren Zielpunkt finden – in der Hoffnung auf einen guten Gott, der alle Dunkelheiten am Ende hell machen wird. Denn auch die Zuversicht durch alles Leiden hindurch gehört zur Feier am Tisch des Herrn dazu.
Ausgeliefert – und doch gerettet am Ende. Das ist unsere Rettung angesichts der Welt.
Ihr Pfarrer Ralf Prange
